Geschichte

Meine Geschichte ist keine, die ich erzählen will. Sie muss aus dem Weg. Sie ist nicht bloß meine, aber ich kann sie nur als meine erzählen, ohne Verständnis für großes Ganzes, ohne Kenntnis der Geschichten anderer. Da ich in dieser Geschichte keinen Anfang und kein Ende ausmachen kann, wird sie bruchstückhaft bleiben und sich immer anders zusammenfügen.

Grau in grau. Schmaler Streifen Asphalt oder Betonplatten, beiderseits gesäumt von brüchigen Gehsteigen. Rechts brusthohe löchrige Hecke, kaum grün, der Rasen dahinter erdig und matschig getreten. Das alte Steingebäude, oder zwei, fast so lang wie die Straße, braunschwarz, schmutzig und angefressen, drei, vier Stockwerke hoch. In der Flucht, am Ende der Sackgasse, ein ähnliches, höheres Haus, mit Eingang an der Kopfseite.
Unmengen Vögel zwitschern, die in den kahlen Bäumen nie auszumachen sind, und unsichtbare Tauben gurren. Wind treibt durch die Straße und grimmige Wolken über den Himmel, woher.

Man hatte mich aufs Gymnasium gelassen, obwohl ich erst seit einem Jahr Deutsch lernte, und gegen Ende der fünften Klasse sollten wir Referate halten über ein Land unserer Wahl. Kinder mit anderen Herkunftsländern stellten diese vor. Ich glaube, wir waren nur zwei. Also stellte ich dieses Polen vor, spielte ihnen die Melodie der Nationalhymne vor, die saloonhaft von der Kassette schepperte, weil mein Klavier so verstimmt war, zeigte ihnen anhand meiner Zeugnisse, daß Vieren und Fünfen erstrebenswerte Noten waren, erklärte die Symbolik von Flagge und Wappen, wie ich sie schon im Kindergarten gelernt hatte, und behauptete, um Fragen wie denen, die ich schon kannte – ob es in Polen Eisbären gäbe etwa – zuvorzukommen, Polen sei ein ganz normales Land, in dem es mitnichten wie im Krieg aussehe.
Im Herbst darauf fiel die Mauer. Und als wir gut ein weiteres Jahr später zum ersten Mal wieder dort waren, sah ich, dass ich mich geirrt hatte; doch, Polen sah aus wie im Krieg. Oder kurz danach. Polen sah aus, wie ich mir vorstellte, dass es kurz nach dem Krieg aussehen müsste.

Links der Sackgasse, um einen breiten bolzplatzähnlichen Streifen zurückgesetzt, steht ein alter Bunker. Moosbewachsen, geduckt, stellenweise beschmiert, auch mit Hakenkreuzen, kaum historischen Ursprungs, vermutlich ohne Eingang. Der Bolzplatz gehört vielleicht schon zum Spielplatz mit dem namengebenden Flugzeug aus Metallrohren, zum Klettern, mit einer Rutsche, die seine aufragende Nase stützt. Wir gingen nie „auf den Spielplatz“, wir gingen „aufs Flugzeug“, schon meine Eltern. Ein sozialistisches Flugzeug aus den 50ern oder 60ern. Ein paar Mal im Laufe der Jahrzehnte wurde das Flugzeug repariert und lackiert. Das Flugzeug war immer kaputt.

Bei unserem Besuch in Polen, dem ersten nach über drei Jahren, fragte mich mein Onkel, wie es sei, wieder zurück zu sein. Eine Frage, wie viele zuvor, von Kindern wie Erwachsenen: Wo es mir besser gefiele, wie es sei, nun in Deutschland zu leben, ob ich wieder zurückwolle. „Geh weg von hier und komm wieder, dann weißt du’s“, war meine Antwort und bevor mein Onkel meine Unhöflichkeit rügen konnte, sagte mein Vater: „Sie hat Recht.“ Er führte das weiter aus, aber ich hörte nicht zu.
Nachts schlug die Rathausuhr hell für die Viertelstunden, dunkler für die vollen. Die schwachgelbe Straßenlaterne warf Akazienschatten auf die Zimmerdecke. Das Fieberzäpfchen durfte ich mir schon selbst einführen, also war niemand wach, und ich träumte wirr von Star Trek.

Die erste Folge Star Trek, die ich sah, war die zweite von TNG, mit Wesley und dem Reisenden. Ich verstand noch nicht alles, aber als Wesley äußerte, Raum, Zeit und Gedanke hingen womöglich zusammen, war ich beeindruckt. Ich war zehn, mochte die Serie, und diesen verständigen, begabten Wesley, der das Glück hatte, auf einen Reisenden zu treffen, der ihm die Welt erklärte.

Am 10. November 1989 schwänzte ich die Schule. Vielleicht gerade zum ersten Mal. Ich verbrachte den Vormittag auf dem Dachboden des Sozialbaus, in dem wir eine Wohnung hatten, lesend und Tagebuch schreibend.

Man rief mich beim Nachnamen im Kindergarten. Vielleicht auch beim Vornamen, aber daran erinnere ich mich nicht, auch an keine Gesichter. Den Nachnamen, bei dem man mich rief, trage ich nicht mehr, für Deutsche unaussprechbar, ein erheiterndes Kuriosum. Mein Opa sagte nach unserer Namensänderung, ich sei nicht mehr seine Enkelin, da ich nicht mehr seinen Namen trage. Er hielt mich dabei im Arm.

Mein Opa väterlicherseits war im Nordosten Polens geboren, seine Frau, meine Oma, aus Litauen vertrieben. Das war in den 30ern, 40ern des letzten Jahrhunderts.
Eine Vertriebene bin auch ich, auf dem Papier. Ende der 70er geboren, in Polen. Vertrieben per Abstammung, da meine Oma mütterlicherseits aus Beuthen stammte, als es deutsch war. Ihre Tochter, meine Mutter, brachte sie in Bytom zur Welt, da war es polnisch. Wir sind also Spätaussiedler und haben daher ein Anrecht auf unsere deutsche Staatsangehörigkeit. Im Jahr 1987 mussten wir uns im Gegenzug von der polnischen, qua Geburt erworbenen, lossagen. Anfang dieses Jahrtausends musste ich das, um heiraten zu dürfen, trotz deutschen Ausweises mittels des Registrierscheins aus dem Aufnahmelager eigens nachweisen.
Als wäre Krieg. Oder kurz danach.

Der Nachname, den ich jetzt trage, ist ein französischer, aus der mütterlich-väterlichen Linie. Ob sein Ursprung im 19. Jahrhundert oder noch früher zu suchen ist, weiß ich nicht. Ob es von Bedeutung ist.

Ich hatte Deutsch gelernt, von 3 auf 1 in vier Halbjahren. Zum Vorlesewettbewerb durfte ich nicht, „man hört den Schlag der fremden Zunge“, sagte die Lehrerin. Möglich, dass ich nicht gut genug vorlas, aber das sagte sie nicht.
Ich war mit deutscher Amtssprache vertraut und hatte Erfahrung im Dolmetschen. Dass man Lehrer mit einem respektlosen „Hallo!“ im Vorbeigehen begrüßen durfte, konnte ich meinen Eltern nicht erklären.

Der Weg von Polen nach Deutschland führte durch halb Europa. Wir hatten, als ganze Familie, eine Ausreisegenehmigung für Jugoslawien erhalten, Urlaub. Ich durfte nicht darüber reden.
Die Nacht war schwül, die Fenster des Hotelzimmers offen. Neben mir auf dem Boden schliefen längst die anderen Kinder.
Sonst, wenn meine Eltern abends mit Freunden zusammensaßen, waren Gitarren dabei, und oft schlief ich ein bei Gesang und Gelächter, bei vielen lauten Gesprächen.
Auf dieser Reise war kein Platz für eine Gitarre gewesen. Der kleine Polski Fiat auch so mit dem Notwendigsten überladen.
Wir hätten ein eigenes Zimmer gehabt im Zagreber Hotel Inter-irgendwas, aber sie wollten uns nicht ohne Aufsicht lassen. Wir spielten mit den anderen Kindern, bauten halbherzig mit Lego, bis sie uns alle vier unter Tisch und Stühle betteten.
Sie, die Erwachsenen, die gedämpft miteinander sprachen, seit sie sich einige Stunden zuvor kennengelernt hatten. Morgen würden sie wieder vor der Botschaft der BRD Schlange stehen.
Die nächste Nacht würde meine Familie in einem Motel verbringen, immer noch ohne Visum. Die übernächste im Wohnwagen eines Campingplatzes. Wir sahen die andere Familie nicht wieder. Es war eine Wartegemeinschaft für eine ungewisse Nacht von vielen.
Wir wollten nach Deutschland, Oma besuchen, wusste ich und schlief und schlief nicht. Kein Fernseher lief, keine Musik, das Zimmer zu hoch für Straßenlärm, kein Zirpen.
Sie sprachen viel und leise in trübem Licht. Neben mir schliefen die Kinder. Und ich wusste jetzt: nach Deutschland für immer.

Kurz vor der jugoslawisch-österreichischen Grenze wurde mein Vater beim Tanken von einem Anzugträger aus einem schicken Auto mit polnischem Kennzeichen angesprochen. Was wir hier täten und vorhätten. Vorgestellt hatte er sich nicht. Zum Abschied wünschte er schönen Urlaub und gute Weiterreise. Unsere Existenz auf Messers Schneide.
Wir passierten die Grenze ohne Probleme.

Drei Tage dauerten die Formalitäten im Aufnahmelager, vier oder fünf Familien in einem Raum mit Metallstockbetten, dann war klar, wir durften bleiben, und weiter, ins Übergangswohnheim, eine Familie pro Zimmer mit Metallstockbetten. Die Grundschule in der Nähe war auf uns eingestellt, es gab Hausaufgabenbetreuung und spielerischen Deutschunterricht am Nachmittag.
Wir hatten noch keinen Wecker. Als ich zur zweiten Stunde in der Schule auftauchte, redete ich mich heraus, ich hätte mich am Morgen übergeben. Ein Mädchen, das schon länger da war und mehr Deutsch konnte als ich, übersetzte mich mit „Fieber“, was die Glaubwürdigkeit meiner Ausrede zunichte gemacht hatte. Die Sprachkurse meiner Eltern kamen später.
Derselbe Deutschlehrer gab uns ein Gedicht zum Auswendiglernen auf. Zwei Strophen, die Thematik landwirtschaftlich, mehr verstand ich nicht. Ich schaffte die erste Strophe. Fürs Nichtkönnen der zweiten gab es Ärger.

Kurz vor Weihnachten zogen wir in die Sozialbauwohnung, am Berg, mit Blick auf die Stadt durch die nun kahlen Bäume. Kahl auch die vier Zimmer, Linoleumgeruch, Pressplattenküchenmöbel, ein Weihnachtsbäumchen ohne was herum. Schulwechsel.
Alles fremd. Die Polstermöbelgarnitur, die im Wohnzimmer stand, als warte sie auf Abholung, die Sendungen im Fernsehen mit so seltsam philosophischen Titeln wie „Wir über uns“, die schwarznackten Bäume vor den Fenstern, die schneelosen Winterstürme. So fremd, dass die Existenz der Dinge ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzte. Mir wollte nicht in den Kopf, dass nach dem morgigen Morgen ein weiterer Tag folgen sollte und immer und immer so weiter.
Manchmal brachte der Mond Licht durchs Geästnetz. Ich träumte von Wiedersehen, Aufwachen war Trennung.

Von der Sackgasse aus gesehen hinter dem Flugzeug, zwischen den Häusern hindurch, liegt die „Sonnige Straße“, eher ein Platz. Meine Mutter ist hier aufgewachsen, in der Zweizimmerwohnung, in der vermutlich auch ihr Vater plötzlich starb, als sie sechzehn war, in der sie geheiratet hatte wie später ihre Schwester, in der meine Uroma aus Bytom einige Male überwinterte, in der meine andere Uroma an Krebs starb, als ich in der ersten Klasse war. Nun wohnte meine Tante mit Mann und zwei Kindern darin, seitdem meine Oma Polen verlassen hatte. Ich wohnte hier nie.
Am anderen Ende der Sackgasse, in der „Straße des Volksentscheids“ lebten meine Großeltern väterlicherseits mit ihren beiden Kindern in zwei Zimmern, seit sie in den 60ern aus Olsztyn quer durch die Volksrepublik hierher gezogen waren. Im Haus daneben wohnten Freunde meiner Eltern, auch wir Kinder waren befreundet.

Unsere Wohnung, die letzte in Polen nach drei oder vier Umzügen innerhalb meines kleinen Lebens und innerhalb jener kleinen Stadt, lag am Rand in der Plattenbausiedlung, von der Innenstadt durch ein Wäldchen, mehr ein Park, getrennt. Die Piasten-Siedlung, die Straßen nach den Königen benannt. In planmäßigen Abständen Spielplätze, Krippen, Kindergärten, Schule, zum Teil noch im Bau, auch vor unserem Block. Wir spielten in der Baugrube Schnitzeljagd, kokelten mit Streichhölzern und erzählten uns Gruselgeschichten von im nahen Wald hausenden kinderfressenden Hitlerdeutschen.

Die Erwachsenen feierten oft. Manchmal wurde ich dafür bei meiner Uroma untergebracht, meistens waren wir Kinder – diejenigen von uns, die bereits geboren waren – dabei, in den Kinderzimmern der Wohnungen. Sie tranken und sangen und diskutierten, wir spielten, bis wir schliefen. Wir spielten weiter, wenn wir aufwachten, der Tag kam langsam in Gang.
Verwandte unserer Freunde waren auf Durchreise nach Deutschland, die Wohnung bereits aufgelöst, ihr Hab und Gut im und am Auto. Sie feierten Abschied bis in den Morgen in der „Straße des Volksentscheids“. Tags darauf, ein Sonntag, gab es kein Kinderprogramm, kein Fernsehen überhaupt. Gegen Mittag fuhren wir nach Hause durch eine menschenleere, unberührte Schneelandschaft. Nur an einer Kreuzung mussten wir halten, um den Konvoi der Militärlaster vorbeizulassen. Damals wusste ich nicht, dass es der Tag vor meinem vierten Geburtstag war, das Kriegsrecht war gerade verhängt worden und die Grenzen noch dichter. Es war nur alles sehr still.

Welche Sprache ich besser könne, wollten sie immer wissen, und in welcher ich denke. Als PCs Einzug hielten in ihre Jugendzimmer, konnte ich es ihnen endlich erklären: Polnisch sei mein Betriebssystem, Deutsch die Benutzeroberfläche.
Beim Schüleraustausch in Frankreich verstand ich wieder nur die Hälfte, musste mich jedoch um nichts kümmern. Ich hatte Routine im Fremdsprachenlernen, man bescheinigte mir Akzentfreiheit.

Ich kenne Polen nicht. Es zieht mich nicht dorthin, obwohl Verwandte dort leben. Ich kann Polnisch und benutze es kaum.

Andere, in ähnlichem Alter zum ähnlichen Zeitpunkt aus Polen ausgereist, erlebten das alles anders. Die meisten finden sich meines Wissens zurecht.

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5 Gedanken zu “Geschichte

  1. Der Beitrag spricht mich sehr an und ich finde ihn spannend strukturiert. Schon im ersten Bild wird eine recht trostlose „Heimat“ skizziert, die alles andere als heimelig wirkt. Auch in den folgenden Bildern, Berichten schimmert durch, dass Du eher heimatlos bist, nicht nur was Orte betrifft, sondern auch Menschen.
    Vertrieben per Abstammung und womöglich auch vertrieben in der Welt (das ist jetzt vielleicht zu weit hergeholt, für mich liest sich der Text allerdings so).
    Die einzige Person, die Dir nahe zu stehen scheint, ist der Opa, der Dich umarmt und Dir gleichzeitig mitteilt, dass Du nun, nach der Namensänderung, nicht mehr seine Enkelin seist.
    Wenig Erinnerung an die Kindergarten- und Schulzeiten dringen durch, und wenn, sind sie geprägt durch Dein Anderssein.
    Auch der neue Ort möchte nicht Heimat werden „So fremd, dass die Existenz der Dinge ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzte …” … „Aufwachen war Trennung.“
    Am Ende dringt dieses Anderssein noch einmal durch mit den Worten „Die meisten finden sich meines Wissens zurecht.“ Du nicht.
    Danke für diesen großartigen Text und liebe Grüße
    Klaus

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  2. […] „A zaczyna się (mniej więcej) tak: ‚Moja opowieść nie jest opowieścią, którą chcę opowiedzieć. Musi jednak zniknąć. Nie jest też tylko moją, wszak jedynie jako moją mogę ją opowiedzieć, nie ogarniając wielkiej całości, nie znając opowieści innych. W tej opowieści nie potrafię oznaczyć ani początku, ani końca, tak więc będzie ona jedynie ułamkowa i za każdym razem inaczej poskładana.'“ […]

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